Preken ved Nordisk reformasjonsgudstjeneste, pinsedagen 4. juni 2017 (tysk)

«Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch. Den Geist löscht nicht aus. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt. Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für das Kommen unseres Herrn Jesus Christus.»
(1. Thess. 5,16-23)

Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern in Christus,

es ist bereits eine gute und liebgewordene Tradition, dass die in Wien vertretenen nordischen Gemeinden gemeinsam das Pfingstfest feiern – jenes dritte Hochfest im Kirchenjahr, dessen Bedeutung sich den wenigsten Christinnen und Christen erschließt. Als Religionslehrer beantworte ich Jahr für Jahr die gleiche Frage meiner Schülerinnen und Schüler: „Herr Pfessa, was feiern wir eigentlich zu Pfingsten?“
Dabei ist die Antwort recht einfach und durchaus in der Lebensrealität meiner Jugendlichen: Wir feiern Geburtstag! Wir feiern den Geburtstag der Kirche. Oder um es anders zu formulieren: Wir feiern, dass der Heilige Geist den Startschuss gegeben hat für das, was wir Mission – Verbreitung des Glaubens – nennen. Die Jüngerinnen und Jünger haben begonnen in der Welt umherzuziehen und von Jesus zu erzählen. Das tun wir – wenn auch in anderer Form – heute noch.

Dieses heutige Pfingstfest ist für uns Dänen, Finnen, Norweger und Schweden in Wien aber auch ein Besonderes, denn wir feiern gemeinsam 500 Jahre Reformation. Dieser Gottesdienst ist einer unserer Beiträge zum Jubiläumsjahr 2017, das mit dem großen Reformationsfest am Rathausplatz am 30. September seinen Höhepunkt haben wird. Seien Sie dazu bereits jetzt und hier herzlich eingeladen!

Wenn wir nun mal kurz bedenken wollen, was Reformation für uns Nordeuropäer bedeutet, müssen wir einen Rückblick in die Geschichte machen. Dabei stellen wir fest, dass die Reformation in den Ländern des Nordens durchaus verschieden verlaufen ist und auch die Wirkungsgeschichte der Reformation eine sehr unterschiedliche ist.
Als Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen veröffentlichte, waren die Länder des Nordens in der Kalmarer Union zusammengefasst – eine staatliche Union der drei Königreiche Dänemark, Schweden und Norwegen unter einem gemeinsamen König, zu denen auch noch die heutigen Gebiete Grönlands, Islands, der Färöer, der Shetlands, der Orkneys und Finnlands dazugehörten. Nur sechs Jahre später zerbrach diese Union unter anderem aufgrund des sogenannten Stockholmer Blutbades in zwei Teile: Dänemark-Norwegen auf der einen Seite und Schweden-Finnland auf der anderen. Wie unterschiedlich man Geschichte betrachten und werten kann erkennt man daran, dass der letzte gemeinsame Unionskönig Christian II. in Schweden heute Kristian, der Tyrann, und in Dänemark Christian, der Gütige, genannt wird.

Ein wesentlicher Faktor für die Verbreitung der reformatorischen Ideen Martin Luthers nach Nordeuropa war der Handelsbund der Hanse. Über ihre Schiffe kamen die Gedanken der Reformation zumindest in die Hafenstädte der Nord- und Ostsee.

Während der dänische König, ein glühender Verehrer des Luthertums, sehr bald den Wittenberger Stadtpfarrer und Reformator Johannes Bugenhagen nach Dänemark holte, um die dänische Kirche nach lutherischem Vorbild umzubauen, dauerte dies in Norwegen, Schweden und Finnland bedeutend länger. Dort hat sich die Reformation erst um 1600 herum durchgesetzt, also mehr als zwei Generationen später als in Deutschland und in Dänemark.

Die Reformation war in den Ländern des Nordens eine von Oben gelenkte Bewegung, die primär ein politisches Ziel hatte: Los von Rom, weg von der Macht des Papstes und los vom Einfluss des römischen Kaisers, der in Deutschland seinen Sitz hatte.

Hier in Österreich halten die Evangelischen die Zeit der katholischen Gegenreformation als besonders leidvollen Teil ihrer Geschichte im kollektiven Gedächtnis. In den Ländern des Nordens gab es diese Unterdrückung auch – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Noch 1814 fühlten sich die Väter der modernen norwegischen Verfassung berechtigt, in gehorsamer Ausführung der Gedanken Martin Luthers einen Artikel in die Verfassung hineinzuschreiben, dessen man sich heute noch schämt: „Juden und Jesuiten sind im Königreiche Norwegen unerwünscht.“
Das Aufenthaltsverbot für Juden wurde in den 1890ern wieder aus der norwegischen Verfassung gestrichen – jenes für Jesuiten erst in den 1920er Jahren. Ähnliche Regeln hat es auch in den anderen Staaten des Nordens gegeben – so war es Studierenden lange Zeit verboten, an katholischen und calvinistischen Universitäten in Europa zu studieren. Auch wenn wir Evangelische oft das Wort Freiheit gebrauchen, so ist in der Vergangenheit oft die Parole „Freiheit von“ bei entsprechender politischer Großwetterlage als Zwang zu etwas Anderem interpretiert worden.

Die Geschichte der Evangelischen Kirche in Mitteleuropa und im Norden ist sehr unterschiedlich verlaufen und so unterschiedlich sind auch die kirchlichen Traditionen gepflegt worden.
Während evangelische Kirche in Deutschland und auch Dänemark in eher nüchternen und unverzierten Kirchen sichtbar wird, wo die Pfarrerinnen und Pfarrer den schwarzen Gelehrtentalar tragen, ist in Finnland, Norwegen und Schweden der reiche Einsatz von Symbolelementen und Farben erhalten geblieben, die Pfarrerinnen und Pfarrer tragen die weiße Albe und verwenden Messgewänder, wie es in der Christenheit auch sehr lange vor der Reformationszeit schon üblich war. Und auch das Tragen des Collarhemdes für Pfarrerinnen und Pfarrer, sowie für Diakoninnen und Diakone ist dort üblich. Nur weil es im mehrheitlich katholischen Österreich ein sichtbares Unterscheidungsmerkmal von katholischen und protestantischen Geistlichen geworden ist, bedeutet nicht, dass dies auch in anderen Ländern so ist.

Die Kirchen des Nordens haben sich 1994 in der Porvoo-Gemeinschaft mit der Anglikanischen Kirche zusammengeschlossen und damit gegenseitige Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft begründet und auch die Apostolische Sukzession wiederhergestellt – die ungebrochene Übertragung des kirchenleitenden Bischofsamtes vom ersten Bischof von Rom Petrus bis zu den heutigen Bischöfen. Die evangelischen Kirchen in Deutschland und Österreich sind stolz darauf, dieses Symbol des römischen Papsttums beseitigt zu haben. Bei beiden Zugängen handelt es sich um evangelische Kirche – die Wege sind unterschiedlich.

Die Menschen in den verschiedenen Gebieten haben wohl alle nach der Botschaft unserer heutigen Epistellesung gehandelt:
„Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch. Den Geist löscht nicht aus. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles und das Gute behaltet.“ In den Ländern der deutschen Reformation, zu denen ich auch Österreich zähle, hat man das getan. Und auch in den Ländern des Nordens hat man das getan. Die Gebräuche und Traditionen der Christinnen und Christen wurden geprüft – und man hat das, was gut schien behalten. Wie wir heute an unseren Kirchen sehen können, sind die Menschen in ihrer Freiheit mit guten Überlegungen und Gründen zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Und das möchte ich Freiheit in Verantwortung nennen.

Was macht unser gemeinsames evangelische Kirche-Sein dann also aus?

Wir finden evangelische Kirche nicht in der Frage, ob der Pfarrer weiß trägt oder schwarz. Wir finden evangelische Kirche nicht dort, wo Bilder und Ikonen sind oder nicht. Wir finden evangelische Kirche nicht dort, wo sich Menschen mit dem Zeichen des Kreuzes bekreuzigen oder nicht, wo Weihrauch verwendet wird oder nicht, wo es Erzbischöfe und Erzbischöfinnen gibt oder nicht. Wir finden evangelische Kirche dort, wo das Wort Gottes lauter und rein verkündigt wird und wo die Sakramente nach den Ordnungen der Kirche recht verwaltet werden. Wir finden Kirche dort, wo zur Ehre Gottes und zum Wohl aller Menschen und der gesamten Schöpfung gelebt, gehandelt, gefeiert und gearbeitet wird.
Das ist und bleibt unser gemeinsamer Auftrag – im Jahr des Reformationsjubiläums und für alle Zeiten danach. Lasst uns gemeinsam alles prüfen und das Gute behalten!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Pfarrer Hans-Christian Granaas